Highlights der September-Auktion (II): Klassiker der Moderne und Post-Moderne

Reduktion und Dekoration: Zwischen diesen beiden Polen bewegt sich, grob gesagt, die Kunst des Interior-Design im 20. Jahrhundert. Sie werden auch von zwei Highlights im Angebot der Auktion vom 24. September eindrucksvoll markiert: Das eine gehtt zurück auf einen der stilprägendsten Gestalter der Bauhaus-Ära, Ludwig Mies van der Rohe (1886 – 1969), das andere auf eine Künstler an der Schnittstelle von Tierbildhauerei, Surrealismus und avantgardistischem Design: François-Xavier Lalanne (1927 – 2008).

Francois-Xavier Lalanne: Künstlerischer Richtungswechsel

Eigentlich hatte Lalanne Malerei, Grafik und Bildhauerei an der Pariser Académie Julian studiert und sich anschließend intensiver mit dem Thema Tierbildhauerei beschäftigt. Dann aber lernte er in der näheren Umgebung seines Ateliers in Montparnasse Constantin Brâncuși und Jean Tinguely sowie die Bildhauerin Claude Dupeux kennen, die seinem Werk und seinem Leben eine komplett andere Richtung gaben.

Erfolg mit Les Lalannes

Bereits Anfang der 1950er Jahre gab Lalanne die Malerei auf, arbeitete als Architekturzeichner und begann parallel, sich auf die Bildhauerei zu fokussieren. Bereits ab Mitte der 1950er Jahre entstanden vereinzelte gemeinsame Werke mit Dupeux, die 1967 auch Lalannes zweite Ehefrau wurde. Auch eigene Werke sowohl von François-Xavier Lalanne wie auch von Claude Dupeux stellten beide bereits in den 1950ern unter dem Label Les Lalanne gemeinsam aus. (Schätzpreis 20.000 Euro)

Nashörner, Schafe und ein Vogel

Parallel hierzu wurde François-Xavier Lalanne auch als Solokünstler bekannt, vor allem für relativ monumentale Objekte an der Schnittstelle zwischen bildender Kunst und Design. Aufsehen erregte unter anderem sein 1964 erstmals präsentierter, später vielfach modifizierter Sekretär in Gestalt eines Nashorns, oder auch die 1965 entstandene, skulpturale „Bar YSL“ für den Modeschöpfer Yves Saint Laurent. Der für François-Xavier Lalanne prägende Mix aus klassischer Tierplastik, surrealistischen Tendenzen und einem untrüglichen Gespür für dekorative Ästhetik zeichnet jedoch nicht nur solche Großformate aus, sondern auch handlichere Arbeiten, von denen ebenfalls viele zu Kultobjekten avancierten. Das bekanntestes Beispiel dafür: der „Oiseau bleu“, der in einer Version in patinierter Bronze vorliegt.

Freischwinger Mies van der Rohe Auktion München Scheublein

Vier Freischwinger “Weißenhof – MR 20”. (Wohl) Berlin, Ausführung 1927 – 1931, Entwurf: 1927 von Ludwig Mies van der Rohe. Schätzpreis 6.000 Euro

Ludwig Mies van der Rohe und die Revolution des Sitzens

Ein Stuhl ohne Hinterbeine – das kam 1927 immer noch einer Sensation gleich. Zwar hatte bereits im Jahr zuvor der niederländische Architekt Mart Stam einen solchen „Kragstuhl“ vorgelegt. Doch dieser bestand noch aus einer recht starren Rohrkonstruktion, war reichlich unbequem, weil das Gestell beim Niedersetzen kaum nachgab – und darüber hinaus auch noch mit uneleganten Details versehen: „Häßlich, sowas häßliches mit diesen Muffen“, soll der avantgardistische Architekt Ludwig Mies van der Rohe im Kreis seiner Mitarbeiter über Stams Prototyp und speziell über dessen Metallverbindungen gewettert  haben. „Wenn er wenigstens abgerundet hätte – so wäre es schöner’“.

Kühner Schwung, federndes Rohr

Da allerdings war Mies schon selbst am Zeichnen – zunächst originalgetreu den Stam-Entwurf, dann seine Verbesserungs-Überlegungen: Er verlieh dem Gestell einen kühnen Bogen, sah vor, dass es nicht mit Verbindungen montiert, sondern in einem Stück gefertigt wurde und änderte dessen Material von starrem Gas- in federndes Stahlrohr. Die Geburtsstunde des Freischwingers im eigentlichen Sinne, auch für Mies van der Rohe selbst, der sich noch viele weitere Jahre mit freischwingenden Stühlen und Sesseln aus Stahlrohrkonstruktionen beschäftigte.

Die bahnbrechende Ausstellung in der Weißenhofsiedlung

Auf der für die Bau- und Wohnkultur in jeglicher Hinsicht bahnbrechende Ausstellung in der Stuttgarter Weißenhofsiedlung von Juli bis Oktober 1927, für die Mies van der Rohe die künstlerische Leitung innehatte, wurden beide Stuhlmodelle vorgestellt: sowohl Stams Kragstuhl, der, weiterentwickelt, ebenfalls Designgeschichte schrieb, als auch van der Rohes epochaler, geflecht-bespanntenr „Weißenhof – MR 20“. SCHEUBLEIN Art & Auktionen freut sich, vier dieser Design-Ikonen in einer zwischen 1927 und 1931 angefertigten Ausführung mit braun gefasstem Stahlrohr anbieten zu können (Schätzpreis 6.000 Euro)

Rückblick: Unsere Top Ten des Jahres 2023

Auch 2023 war bei SCHEUBLEIN Art & Auktionen wieder ein Jahr mit spannenden Losen, bestätigten Favoriten – und Losen, deren Preissprünge für Überraschungen sorgten. Hier blicken wir auf die zehn Top-Objekte des zurückliegenden Auktionsjahrs zurück. (mehr …)

Highlights der März-Auktion: Silberobjekte von Claude Lalanne und aus dem Dresdner Hofschatz

Die Frühjahrsauktion von SCHEUBLEIN Art & Auktionen am 24. März startet mit ein paar echten Highlights gleich in der Anfangskategorie Silber. Angeboten werden unter anderem zwölf Platzteller mit 30,5 cm Durchmesser aus massivem Silber (Schätzpreis 4.500 Euro), zwölf Medaillen mit Szenen aus dem alten Testament aus der Hand des Wiener Künstlers Ernst Fuchs (Taxe 2.000 Euro) oder eine silberne Spieluhr in Form eines Walzenklaviers (Taxe ebenfalls 2.000 Euro). Besonders im Blickpunkt aber stehen ein Tablett der Künstlerin Claude Lalanne und ein Rechaud aus der Dresdner Silberkammer.

Claude Lalanne: Das geheime Leben der Pflanzen

Claude Lalanne Auktion München Scheublein

Tablett “Bambus”. Paris um 1980, Claude Lalanne (1925 – 2019). Bronze, vergoldet, Metall, versilbert. 41,5 x 28 cm. Schätzpreis 4.000 Euro. 

Das Tablett aus versilbertem Metall ist vollkommen schlicht. Doch an einem Ende wölben sich gebogenen Bambushalme in vergoldeter Bronze zu einem Griff: Derart spielerischer Umgang mit den Formen und Strukturen des Pflanzenreichs ist typisch für das Werk der  Bildhauerin Claude Lalanne (1924 – 2019), die vor allem in Zusammenarbeit mit ihrem Mann François-Xavier (1927 – 2008) als Duo „Les Lalanne“ ab den 1980er Jahre im Blickpunkt der Kunst- und Interior-Szene stand.

Claude Lalanne Auktion Scheublein

Detail aus dem “Bambus”-Tablett von Claude Lalanne. Die Pflanzenapplikation ist ein typisches Gestaltungselement der postsurrealistischen Künstlerin.

Denn die Lalannes bildeten mit ihrer augenzwinkernden Fortschreibung der Ansätze der Surrealisten einen hoch ästhetischen Gegenpol zu jedweden radikalen Abstraktionstendenzen der 1960er- und 1970er-Jahre. Beide ergänzten sich in ihrer künstlerischen Arbeit eher als dass sie einen kompletten Schaffensprozess gemeinsam durchliefen. François-Xavier ließ sich stärker von der Tierwelt inspirieren, Claude nahm Pflanzen in den Fokus: So entstanden Sekretäre in Form eines Nashorns, brusthohe Wirsingköpfe mit Hühnerfüßen, aber auch die efeubewachsenen Elefanten oder säulengetragenen Beton-Riesenblätter für den Pariser Jardin d‘aventures Les Halles. Das vorliegende „Bambus“-Tablett steht beispielhaft für die großen dekorativen Qualitäten, die der Arbeit Claude Lalannes ebenfalls innewohnte.

Vom Glanz der Wettiner

Dresdner Silberkammer Auktion München Scheublein

Ein Rechaud aus dem Dresdner Hofsilber. Ø 23 cm. Ca. 1.700 g inklusive Holzgriff. Schätzpreis 2.500 Euro. 

Das Eröffnungslos der Frühjahrsauktion, ebenfalls aus der Kategorie Silber, ist eine echte Rarität: Ein Rechaud aus einem Silberservice des sächsischen Kurfürsten und späteren Königs Friedrich August III. (1750 – 1827), das in den Werkstätten der ab 1724 in Dresden tätigen Goldschmiedefamilie Schrödel entstand. Die Gravuren auf der Unterseite des Rechauds verweisen nicht nur auf die Kurfürsten-Zeit Friedrich Augusts III. vor 1806, sie umfassen auch eine Inventarnummer der Dresdner Silberkammer. Sie zählte, neben den Hofsilberkammern von München und Wien, zu den bedeutendsten Sammlungen von Silberobjekten in Besitz eines deutschen Fürstenhauses. Mit dem Zweiten Weltkrieg ging sie für Dresden vollständig verloren – alle Stücke, die sich noch in Besitz des Hauses Wettin befunden hatten, gelangten als Kriegsbeute nach Russland. Einzelne Stücke aus dem einstigen Bestand wurden zwar mittlerweile wieder von den Staatlichen Kunstsammlungen Sachsens angekauft; die meisten Objekte jedoch sind bis heute vertstreut oder verschollen.

Dresdner Hofsilber Auktion München Scheublein

Rechaud aus dem Dresdner Hofsilber: Detail: Vorderer Fuß in Gestalt einer Akanthusblatt-Volute.