Highlights am 3. Juli (II): Franz Adams Gemälde zur Schlacht von Solferino
Seit zehn Jahren bereits hatte der Pferde- und Schlachtenmaler Franz Adam (1815 – 1886) im Auftrag von Kaiser Franz Joseph Kriegsschauplätze bereist. Überall, wo das österreichische Heer Schlachten schlug, war er zugegen. Auch in der berühmten Schlacht von Solferino südlich des Gardasees war er im Juni 1859 dabei. Sein dokumentarisches Gemälde, mit einem Schätzpreis von 3.000 Euro angesetzt, markiert eines der Highlights der Sommer-Auktion von SCHEUBLEIN Art und Auktionen.
Solferino: Schwere Schlacht in lieblicher Landschaft
Die im Zuge des Kampfs um die italienische Unabhängigkeit ausgefochtene Schlacht galt lange als als „blutigste Schlacht seit Waterloo“. Im Juni 1859 trafen in den lieblichen Hügeln südlich des Gardasees 150.000 Soldaten des Königreichs Sardinien und des damit verbündeten Frankreichs auf ein 130.000 Mann starkes österreichisches Heer. In dessen Gefolge befand sich Franz Adam, der die hehren Taten der Armee üblicherweise in heroischen Massenszenen festhielt.
Franz Adam zeigt keine Heldengestalten

Wer genauer hinsieht, entdeckt auf Franz Adams Gemälde geborstenes Kriegsgerät und Tote am Wegesrand.
Doch im vorliegenden Gemälde „Nach der Schlacht von Solferino“ sucht man vergeblich nach Heldengestalten und Kampfesmut. Ein müder Trupp schleppt sich durch die nur scheinbar friedliche oberitalienische Landschaft. Links und rechts des Wegs liegen Gefallene und geborstenes Kriegsgerät. Die Häuser sind verrammelt, deren Dächer zerschossen.

Auch die Kirche, an der sich der Zug der Verwundeten vorbeischleppt, ist von Einschusslöchern gemasert.
Auf Kameraden gestützt oder auf Wägen geworfen, versuchen Verwundete, sich zu retten. Wer sich auf die genauere Betrachtung des Gemäldes einlässt, entdeckt einen nicht enden wollenden Zug.

Alles, was vom glanzvollen österreichischen Heer noch laufen oder bewegt werden konnte, schleppte sich in einem endlosen Zug vom Schlachtfeld.
Solferino: Die Geburtsstunde des Roten Kreuzes
Tatsächlich war das Geschehen an der 15 Kilometer langen Front rasch vollkommen außer Kontrolle geraten und in unzählige Scharmützel ohne Plan und Ordnung zerfallen. Ein aufziehender Sturm erschwerte es zusätzlich, Verwundete zu bergen und zu versorgen. Henry Dunant (1828 – 1910), der als eigentlich unbeteiligter Zeuge der Schlacht versuchte, mit den Bauersfrauen eines nahegelegenen Weilers wenigstens einen notdürftigen Hilfsdienst einzurichten. Doch er verzweifelte über dem Mangel an Ärzten, Verbandmaterial und sauberem Trinkwasser.
Die Schlach hinterließ nicht nur bei Franz Adam bleibende Eindrücke
Das Erlebnis prägte ihn so tief, dass er sich sowohl für die Gründung des Roten Kreuzes wie auch für die Durchsetzung der Genfer Konventionen zur Rettung von Verwundeten einsetzte. Auch das Gemälde von Franz Adam gibt die intensive Erfahrung von Trost- und Hilflosigkeit unmittelbar nach der Schlacht von Solferino eindrucksvoll wieder.
Highlights der Auktion vom 3. Juli (I): Zwei Bilderuhren
Ein silbernes Teeservice, das Albert von Sachsen 1853 zu seiner Hochzeit bekam, ein ungewöhnliches Gemälde von Heinrich Bürkel (1802 – 1869), hochkarätiger Schmuck. aber auch ein breites Angebot an historischen Porzellanen aus den namhaftesten Manufakturen im deutschsprachigen Raum: Sie alle stehen im Blickpunkt der Sommer-Auktion von SCHEUBLEIN Art & Auktionen am 3. Juli um 13 Uhr. Im Bereich Kunsthandwerk dürften darüber hinaus zwei Bilderuhren aus dem 19. Jahrhundert auf besonderes Interesse der Bieter stoßen.
Eine Bilderuhr mit minutiösen Details
Beide Uhren, zu je einem Schätzpreis von 1.600 Euro angesetzt, stammen aus Österreich oder Deutschland. In ihrer ihrer feinen, minutiösen Darstellungsweise stehen sie in engem Kontext zu vergleichbaren Objekten, die ab dem späten 18. Jahrhundert in Frankreich, Belgien und der Schweiz, vor allem aber in Österreich hergestellt wurden. In Veduten, Landschaften und Dorfszenen, seltener in Interieur-Darstellungen, wurde – meist in Kirchtürme – ein reales Uhrwerk integriert, das nicht nur die Stunde schlug, sondern zu bestimmten Uhrzeiten auch ein mehrstimmiges Geläut oder eine Melodie anstimmte.

Detail der Bilderuhr “Reiter vor einem Schloss”, Deutschland oder Österreich, 19. Jhd.. Schätzpreis 1.600 Euro. Hier ist die Uhr in den Turm der Schlosskirche integriert.
Besonderes Zentrum: Wien
Als besonderes Zentrum für die Herstellung derart belebter Kunstwerke bildete sich im frühen 19. Jahrhundert Wien heraus. Dies lag zum einen an der herausragenden Kunstfertigkeit des vormaligen Glasmalers Carl Ludwig Hofmeister (1790 – 1843), der im Laufe seines Lebens die Bilderuhr von einem Gemälde mit integrierter Uhr hin zu einem durch mechanische Spielwerke an manchen Stellen animierten Gemälde erweiterte.
Fortschritte in der Uhrmacher-Technik
Zum anderen lag dieser Entwicklung auch der technische Fortschritt in österreichischen und tschechischen Uhrmachereien zu Grunde: Sie erarbeiteten sich zu Beginn des 19. Jahrhunderts die Fähigkeit, ähnlich komplexe Schlag- und Spielwerke zu fertigen, wie es zuvor nur in der Schweiz gelungen war.
Die durch dieses einzigartige Zusammenspiel von Kunst und Technik entstandenen, beschaulich-belebten Stadtansichten für die gute Stube trafen den Geschmack der Zeit auf den Punkt.
Bilderuhren: Sehr gefragt
Die Nachfrage war so groß, dass in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts auch eine Massenproduktion von Bilderuhren versucht wurde, bei der kaschierte Drucke die Originalgemälde ersetzten.

Weiteres Detail aus der Bilderuhr “Reiter vor einem Schloss”. Alle Figuren sind mit großer Detailfreude ausgeführt.
Die bei SCHEUBLEIN Art & Auktionen angebotenen Bilderuhren, die eine Landschaft mit Burg und Reitern sowie eine Flusslandschaft mit Schloss zeigen, entstanden deutlich vor dieser Zeit. Diesen Rückschluss lassen nicht nur die Trachten der dargestellten Figuren zu, sondern auch die Sorgfalt und Detailfreude der beiden Ölgemälde, in die die Uhrwerke eingebettet sind.

Bilderuhr “Schloss über einem Fluss”, wohl deutsch, 19. Jhd. / Öl/Holz, Schlagwerk / Walzenspielwerk. Schätzpreis 1.600 Euro.
Die spannendsten Lose der 48. Kunstauktion (V): Ein “Spielender Hund” von Renée Sintenis
Einen Ausdruck von Lebensfreude und von aller Sorge losgelöster Naturbeobachtung markiert das Highlight der nun am 24. April stattfindenden Frühjahrsauktion von SCHEUBLEIN Art & Auktionen bei den Skulpturen: Ein “Mit einem Stein spielender Hund” in Bronze aus der Hand der Bildhauerin Renée Sintenis (1888 – 1969), der auf 2.000 Euro geschätzt wird. Die 1930 entstandene Tierplastik ermöglicht zugleich auch einen tiefen Einblick in das Werk der naturverbundenen Bildhauerin.
Renée Sintenis liebte Pferde und Hunde
Die Bronze ist einer ganzen Reihe von Terriern zuzuordnen, die die Künstlerin von den ausgehenden 1920er Jahren bis in ihre späteste Schaffensphase immer wieder modellierte. An ihr manifestiert sich nicht nur das innige Verhältnis, das Sintenis, neben ihrem Lieblingsmotiv, dem Pferd, auch zu Hunden entwickelte. Es ist auch deutlich abzulesen, wie die Künstlerin auf dem Höhepunkt ihres Erfolges Tiere beobachtete und diese Eindrücke dann in Plastiken umsetzte.
Das Tier in seiner eigenen Schönheit
Ab 1927 besaß sie sogar selbst einen Terrier, Philipp, der als Vorbild für nicht wenige ihrer Figuren fungierte. “Eines nur habe ich, und zwar Tieren gegenüber, sehr früh gewusst”, schreibt die Künstlerin. “Jedes Tier soll man in der ihm eigenen Schönheit entwickeln, dann gibt man ihm die Erfüllung seines Daseins, das Glück seines Lebens, die Beseeligung, die im Leben selber ruht, und die wir verlernt oder vergessen haben zu erfühlen.”
Nicht zeichnen, nur beobachten
Mittel dieses “in seiner eigenen Schönheit entwickeln” ist bei Renée Sintenis nicht das Anfertigen von Skizzen und Studien unmittelbar vor dem gewählten Motiv. Wichtig ist vielmehr die konzentrierte, unvoreingenommene Beobachten des Tiers in seinen natürlichen Bewegungen. Das Modellieren dann findet, ohne Skizzen als Anhaltspunkt, in der abgeschiedenen Atmosphäre des Ateliers statt. Fokussiertes Hinsehen, son Sintenis, mache das Aufzeichnen von Eindrücken überflüssig.
Die Eigenart eines Wesens belauschen
“Dieses unmittelbare Sehen kann man schulen, man muss nur nicht vom Intellekt verwirrt an die Dinge herangehen und nicht von vorneherein mit der Absicht, sie zu deformieren. Die Tiere und Menschen in ihrer Eigenart zu belauschen und dann das Zufällige zu vergessen – darauf kommt es an.”
Die spannendsten Lose der 48. Kunstauktion (IV): Bilder des Expressionisten Gert Wollheim
Vier Arbeiten des heute fast vergessenen Expressionisten Gert Heinrich Wollheim (1894 – 1974) aus dem Besitz seiner ersten Ehefrau, der Pianistin Leni Stein markieren ein weiteres Highlight der März-Auktion von SCHEUBLEIN Art & Auktionen.
Vom “jungen Wilden” zum mondänen Großbürger
Bereits als junger Künstler hatte der aus Dresden stammende Wollheim in Düsseldorf Furore gemacht, drastische Szenarien aus dem Ersten Weltkrieg vorgelegt und sich 1920 mit anderen Avantgardisten – unter anderem Max Ernst und Otto Dix – zur Künstlergruppe Junges Rheinland zusammengeschlossen.
1925 übersiedelte der rebellische Maler nach Berlin, um, wie der Kunsthistoriker und Kurator Eberhard Roters schreibt, seinen wilden Jahren „mondäne Jahre“ folgen zu lassen. Nun lebte der ursprünglich aus vermögendem Hause stammende Wollheim großbürgerlich und fertigte, neben fast tableauhaft-surrealistischen Gemälden mit altmeisterlicher Note, auch eine ganze Reihe von Porträts von Schriftstellern und Schauspielern wie Gerhart Hauptmann, Alfred Polgar und Heinrich George an.

Gert Wollheim: Dame mit Pelzkragen (um 1928), Aquarell mit Deckfarbe und Bleistift. Schätzpreis 1.500 Euro.
Freundschaft mit Otto Dix
Stilistisch zeigen Wollheims Arbeiten aus den Berliner Jahren, vor allem die Porträts – wie auch die bei SCHEUBLEIN angebotenen Aquarelle „Dame mit Pelzkragen“ (Schätzpreis 1.500 Euro) und „Herr mit Zylinder und Dame mit gelben Handschuhen“ (Oben, Schätzpreis 500 Euro) – eine Nähe zu Otto Dix, die sowohl in der Zeit fußt, als sich beide Maler in Düsseldorf ein Atelier teilten, wie auch in der Freundschaft, die die Berliner Jahre prägte.
Stilistische Vielfalt
Fast akademisch mutet der in Öl auf Holz gemalte „Rauchende Junge“ von 1934 (Schätzpreis 2.800 Euro) sowie eine wohl ebenfalls aus den frühen 1930er stammende „Landschaft“ in gleicher Technik an (Schätzpreis 2.800 Euro).

Gert Wollheim, Waldbild. Öl / Holz, dat. (19)32. Schätzpreis 2.800 Euro. Das Bild kommt in der März-Auktion 2020 bei Scheublein Art & Auktionen, München, zur Versteigerung.
Verschwundene Gemälde
Beide Bilder legen nicht nur Zeugnis über das äußerst breite stilistische Repertoire Wollheims ab. Sie besitzen auch insofern Seltenheitswert, als – wie Eberhard Roters nachweist – von den 168 im Werkverzeichnis gelisteten Gemälden der Berliner Zeit gerade einmal 53 nachweislich erhalten sind. 115 Bilder gelten als verschollen – teils fielen Sie der Beschlagnahmung im Rahmen der Aktion „Entartete Kunst“ zum Opfer, teils verbrannten sie bei einem Bombenangriff. Wollheim selbst floh nach Paris, später in die Schweiz, wurde 1939 verhaftet, entkam 1942 und versteckte sich in den Pyrenäen. 1947 emigrierte er in die USA.
Die spannendsten Lose der 48. Kunstauktion (III): Silber von M.T. Wetzlar, München
Das Highlight in der Kategorie Silber markiert eine Sammlung mit Bechern, Schalen, Platten und einer Dose, die nicht nur für die exquisite Silberschmiedekunst des Art Déco stehen. Die in insgesamt neun Positionen zusammengefassten Objekte erzählen auch ein ganz besonderer Kapitel deutsch-jüdischer und Münchner Geschichte. Denn sie stammen aus der bis 1938 hoch angesehenen Silberschmiede M.T. Wetzlar.
Wetzlar-Silber: Für Fürsten, Magnaten und hohe Beamte
Bereits ab 1875 betrieb die Familie Wetzlar ein Geschäft für feine Silberwaren; ab 1903 florierte es dermaßen, dass es in einen der Läden in der noblen Maximilianstraße umziehen konnte. Zunächst geführt vom Geschäftsgründer Moses, wurde die Silberschmiede und -handlung ab 1925 von dessen beiden Söhnen Alexander (1893 – 1957) und Heinrich (1891 – 1974) übernommen. Zur Kundschaft der von Kronprinz Rupprecht zum Hoflieferanten ernannten Wetzlars gehörten die Fürstenhäuser Europas, aber auch Industrielle und höhere Beamte.
Dramatische Wende nach der “Machtergreifung”
Bis zur Machtergreifung durch die Nationalsozialisten zählte der Betrieb zu den führenden Häusern des süddeutschen Raums. Ab 1933 wurden die Umsätze wegen der „Juden-Boykotte“ rückläufig, blieben jedoch bis 1938 in einem Umfang, dass die Gebrüder Wetzlar immer noch 15 Angestellte beschäftigen konnten. Nach der Reichskristallnacht am 9. November 1938 aber wurden Alexander und Heinrich Wetzlar verhaftet und vier Wochen lang im Konzentrationslager Dachau interniert; noch während ihrer Haft wurden sie gezwungen, ihr Geschäft samt Material- und Warenlager zu einem Spottpreis an zwei „arische“ Interessenten zu verkaufen.
Kriegsbomben zerstören eine Legende
Die Brüder Wetzlar waren gezwungen, 1939 völlig mittellos nach London zu emigrieren. Heinrich zog nach dem Krieg nach München zurück und leitete bis Anfang der 1970er Jahre die Porzellanmanufaktur Nymphenburg; Alexander blieb bis zu seinem Tod in Großbritannien.
Ihr von den neuen Besitzern unter dem Namen der Aufkäufer „F. & L. Kleemann“ weitergeführtes Silbergeschäft in der Maximilianstraße fiel im Krieg dem Bombenhagel zum Opfer.
Die bei SCHEUBLEIN Art & Auktionen angebotenen Objekte – unter anderem eine Dose (Schätzpreis 250 Euro), fünf Schälchen (Schätzpreis 280 Euro), fünf Stangenbecher (siehe oben, Schätzpreis 400 Euro ) und zwölf Teller (Schätzpreis 3.200 Euro ) entstanden großenteils in den 1930er Jahren, auf alle Fälle aber vor der „Arisierung“ des Betriebs 1938. Sie stammen aus dem Besitz von Franz Josef Popp (1886 – 1954), dem ersten Generaldirektor der BMW.
Kunde trotz aller Boykotte
Zwar war Popp, wie andere Wirtschaftsmagnaten auch, 1933 in die NSDAP eingetreten, hatte sich aber nie vollkommen hinter die Parteilinie gestellt. 1942 wurde er von den NS-Behörden beurlaubt, weil er sich weigerte, die Produktion der Motorenwerke ausschließlich auf die Kriegsrüstung auszurichten. Bereits 1936 drohte ihm der Ausschluss aus der Partei, weil er an seinem jüdischen Hausarzt festhielt. Insofern scheint es auch plausibel, dass er sich durch die Machtergreifung nicht beirren ließ, weiter bei der nun als jüdisch verfemten besten Silberschmiede Münchens einzukaufen – dem Hause Wetzlar.

Weitere Wetzlar-Pretiosen aus dem Besitz von Franz Josef Popp: Ein Paar Schälchen, Schätzpreis250 Euro, eine Dose, Schätzpreis 250 Euro und fünf Schälchen, Schätzpreis 280 Euro.
Die spannendsten Lose der 48. Kunstauktion (II): Eine “Landschaftsvase” der Gebrüder Daum
Eine feine Auswahl an Jugendstilglas besticht in der Auktion am 20. März in der Kategorie Glas. Neben Vasen von Gallé (Schätzpreis 300) Euro und Muller Frères (Schätzpreis 400 Euro) wartet als Spitzenlos eine der seltenen, um 1900 entstandenen “Landschaftsvasen” der Verrerie Daum auf Interessenten. Das eindrucksvolle Stück mit dem Titel “Une Pluie” wird auf 1.000 Euro taxiert.
Der Glanz der Weltausstellung
Schon vor der Pariser Weltausstellung von 1900 war die 1878 gegründete Verrrerie Daum einer der großen Player in der Glasstadt Nancy. Diese internationale Leistungsschau war, wie Noel Daum in seiner detaillierten Firmengeschichte „Daum: Maitres verrieres“ von 1980 darlegt, wie eine Apotheose: für die französische Industrie, die Kunst, das Handwerk – und insbesondere für das Haus Daum Frères. „Wir wurden behandelt wie die Prinzen: Wir hatten einen Salon, Grünpflanzen, elektrisches Licht. Der Präsident der Republik, (…) die Künstler (…), die Leiter der großen Museen, alle verbeugten sich vor uns“, notiert einer der beiden damaligen Firmenleiter, Antonin Daum. „Die Jury gab uns den Großen Preis“.
Vasen wie gemalt
Die Ehrung lag auch an einer Raffinesse des Dekors, zu der die Daums gerade eben erst die technischen Möglichkeiten entwickelt hatten: Sie arbeiteten mit farbigen Pulvereinschlüssen und einer Schicht-Technik, die es ihnen ermöglichte, fast aquarell-artige Farbspiele und perspektivische Effekte in ihre Glasdekore zu integrieren.

Das Detail zeigt die fein nuancierten Farbverläufe, die durch farbige Pulvereinschlüsse in der Glasmasse möglich wurde.
Die Möglichkeiten, die diese Effeke gestalterisch boten, schöpften sie besonders eindrucksvoll in der Serie der „Landschafts-Dekore“ aus, denen auch die vorliegende Vase „Une Pluie“ zuzurechnen ist. Vor einem tiefgrünen, nach oben ins Rosa-Weiße verlaufenden Hintergrund beugen sich die vom Wind gebeutelten Bäume, während über sie hinweg, in der obersten Glas-Schicht, die Regentropfen peitschen.

Die Schichttechnik, in der Bäume und Regentropfen auf den Vasenhintergrund aufgelegt sind, ließ sich die Verrerie Daum patentieren.
Ein Patent auf hohe Kunst
Die Technik, die hinter diesen fast gemäldeartigen Dekoren steht, war in der Ausführung ungeheuer komplex, erregte aber schon vor der Weltausstellung so viel Aufsehen, dass die Daums sie 1899 patentieren ließen. Dennoch blieben sie in ihrer Anwendung maßvoll und wendeten sie nur an, wenn das gewählte Motiv es verlangte, dass sich Details überlagerten. „Museen und großen Sammlungen“, schreibt Noel Daum, „besitzen eindrucksvolle Beispiele. Insgesamt aber sind in dieser Technik gearbeitete Objekte selten.“
Die spannendsten Lose der 48. Kunstauktion (I): Ein Hinterglasbild von Victor Vispré
Seit mittlerweile einigen Jahren liegt ein besonderer Schwerpunkt der Aktivitäten von SCHEUBLEIN Art & Auktionen auf dem Bereich der Hinterglaskunst. Auch bei der Auktion am 20. März werden in der Kategorie Kunsthandwerk wieder diverse hochkarätige Arbeiten dieses Genrés angeboten. Besonders im Blickpunkt allerdings steht diesmal kein Objekt der Volkskunst, sondern ein Früchtestillleben aus der Hand von Victor Vispré (1727 – nach 1780). Das mit 46 x 64 cm sehr große Hinterglasbild ist mit einem Schätzpreis von 4.000 Euro angesetzt.
Früchtestillleben nach der Natur
Vispré gehört zu den wenigen Hinterglasmalern des 18. und 19. Jahrhunderts, die ihre Bilder überhaupt signierten – dadurch lassen sich ihm fast dreißig Arbeiten zuordnen, die er mitunter auch auf Leinwand, meistens jedoch auf Glas anfertigte, um sich die unnachahmliche Farbintensität und den Glanz dieser Technik zu Nutze zu machen. Sein favorisiertes Motiv waren Früchtestilleben, die er im Unterschied zu den meisten Hinterglasmalern seiner Zeit nicht nach druckgraphischen Vorlagen, sondern nach der Natur malte. Vermutlich 1763 folgte Vispré seinem Bruder Francois-Xavier, ebenfalls Hinterglasmaler, aus Frankreich nach London, zog mit ihm 1776 nach Dublin und kehrte 1780 nach London zurück, wo er zu einem unbekannten Zeitpunkt verstarb.

Ein Detail des Früchtestilllebens aus der März-Auktion: Beim genauen Hinsehen besticht nicht nur die enorme Plastizität der Äpfel. Um die Trauben herum ist auch ein für Vispré typischer Kunstgriff zu erkennen: Er ließ einen schmalen Rand unbemalt und hinterlegte die Flächen mit schwarzem Papier.
Victor Vispré: Ein Meister seines Fachs
Die malerische Meisterschaft von Victor Vispré lässt sich auch aus dem vorliegenden Gemälde gut ablesen: Früchte, hier Äpfel und Trauben, malte er in einer für die Hinterglaskunst verblüffenden plastischen und stofflichen Prägnanz. Um diese Wirkung zu erzielen, benutzte er Ölfarben, die er in dünnen Schichten auf das Glas auftrug und Nass-in-Nass vermalte. Die gesteigerte plastische Wirkung erzeugte er, in dem er beispielsweise um Früchte herum einen 1 bis 2 Millimeter breiten Randbereich frei ließ und diesen später mit geschwärztem Papier hinterlegte.

Eine besondere Meisterschaft Visprés lag in der Darstellung von Glasgefäßen – hier eine Blumenvase mit Silbermontierung.
Auch die perfekte Wiedergabe von Glasgefäßen – hier eine silbermontierte Blumenvase – gehört zu den Merkmalen von Visprés hoher Kunst, die zu seinen Lebzeiten so gefragt war, dass selbst Madame Pompadour eines seiner lebensechten Früchtestilleben besaß.
Bis heute eine Augenweide
Lange konnten diese Arbeiten Victor Vispré nicht eindeutig zugeordnet werden. Aufschluss lieferte erst ein 2013 publizierter Aufsatz von Jeannine Geyssant und Berno Heymer. Den beiden Kunsthistorikern gelang es, das Werk Victor Visprés von den Bildern seines Bruders abzusondern; ihr Aufsatz endet mit dem Staunen über den bis heute lebensvollen Eindruck, den Visprés Gemälde vermitteln. „Im 18. Jahrhundert gehörte Victor Vispré zu den angesehendsten französischen Stilllebenmalern. Seine Hinterglasgemälde (…) haben – dank dem Bildträger Glas – bis heute all ihren Glanz und ihre Frische bewahrt.“
Vorschau auf die Auktion am 31. Januar (II): Glaskunst aus dem hohen Norden
Eine Ikone des modernen finnischen
Designs kommt in der anstehenden Fundgrube-Auktion beim Glas unter den
Hammer: eine jener dickwandigen, ovoiden Vasen, die die Glas- und Metall-
künstlerin Gunnel Nyman (1909 – 1948) für die finnische Glashütte Nuutajärvi Notsjö entwarf.
Synonym für die Glaskunst der Fifties
Die teils innen farbigen, teils in Klarglas belassenen Vasen waren unterschiedlich bauchig, wurden zwischen 1949 und 1958 hergestellt. Bis heute gelten sie als
Synonym für die biomorphe Glaskunst der 1950er Jahre.
Glasherstellung seit dem 18. Jahrhundert
Die Glasherstellung in Nuutajärvi, unweit von Tampere im Südwesten Finnlands gelegen, geht bis ins späte 18. Jahrhundert zurück und wurde bis 2014 fortgeführt; heute erinnert ein Designmuseum an den Glanz der Vergangenheit.
Glasdesign vom Nuutajoki-Fluss
Die Zeit, zu der Gunnel Nyman für Nuutajärvi Notsjö Glasdesigns entwickelte, gehört zweifelsohne zu den Phasen, in denen am Nuutajoki-Fluss Glasgeschichte geschrieben wurde. Die bei SCHEUBLEIN Art & Auktionen angebotene Vase aus dickwandigem, leicht grünstichigem Glas ist mit einem schräg verlaufenden Kranz aus eingestochenen Luftblasen verziert und wurde 1955 hergestellt. Sie wird zu einem Schätzpreis von 200 Euro angeboten.
Vorschau auf die Auktion am 31. Januar (I), Graphik: “Uhu” von Elisabeth Frink
Die anstehende Fundgrube-Auktion wartet nicht nur mit einem breiten Angebot an Schmuck, Porzellan und Asiatika, sondern auch mit spannenden Druckgraphiken auf. Besonders sticht in dieser Kategorie eine Lithographie der britischen Bildhauerin und Graphikerin Elisabeth Frink (1930 – 1993) heraus.
Elisabeth Frink und die Vögel
Frink, die in der Nähe einer Luftwaffenbasis aufwuchs, erlebte ihren künstlerischen Durchbruch bereits in den frühen 1950er Jahren: Sowohl ihre menschlichen Figuren wie auch die Tierdarstellungen aus dieser Zeit reflektieren zum Teil auch ihre persönlichen Kriegserlebnisse. Vögel nehmen dabei einen ganz besonderen Raum ein.
Eine Kindheit im Krieg
Bereits ihre skizzenhafte und gerade darum so lebensvolle Bronze “Bird” von 1952 wurde von der Tate Gallery angekauft, als Frink gerade einmal 22 war. Die fast archaische kraft dieser Figur führt Frink selbst auf Albträume mit abstürzenden Flugzeugen zurück, die sie als Kind bei nächtlichen Luftangriffen tatsächlich beobachten konnte.
Die “Geometry of Fear”
Dies brachte sie auch in Konnex mit einer Gruppe von Künstlern, die etwa fünfzehn Jahre älter waren als sie selbst: Die Bildhauergruppe “Geometry of Fear”, die sich in ihrem Werk ihren kriegsbedingten Ängsten stellte. Die “Geometry of Fear” künstler überbrückten mit ihrem Werk auch die Kluft zwischen dem geometrischen Idealismus der 1930er Jahre und dem Existentialismus der Nachkriegszeit.
Jäger und Beute
Zeit ihres Lebens ist dieses Gefühl von Angst und Gefahr gerade in Elisabeth Frinks Vogeldarstellungen spürbar, deren Form häufig an Granatsplitter erinnert. Selbst in Druckgraphik, die sich mit Vögeln beschäftigt, schwingt neben Frinks Faszination für das Leben der Wildnis auch das beklemmende Spannungsverhältnis zwischen Raubtier und Beute mit.
Ihr majestätischer, lithographierter “Uhu”, der bei SCHEUBLEIN Art & Auktionen zum Schätzpreis von 500 Euro angeboten wird, reflektiert neben der ungezähmten Schönheit des Wildvogels auf packende Weise auch die unterschwellige Bedrohung durch einen Jäger auf Beutezug.
Die Top Ten des Auktionsjahres 2019 (II): Graphik, Silber und mehr
Den zweiten Teil unserer Jahres-Top Ten prägen eher kleinteilige Objekte sowie zwei große Sammlungen: Eine private Silbersammlung mit Schwerpunkt auf Bechern aus Augsburg, Nürnberg und Norddeutschland sowie 35 Aquarelle mit München-Ansichten aus der Hand des Malers August Seidel (1820 – 1904). Entdecken Sie hier unsere Spitzenobjekte aus den Kategorien Kunst nach 1945, Silber, Graphik, Möbel und Dosen.
1. Kunst nach 1945
Den Auftakt macht eine Farblithographie des britischen Malers und Fotografen David Hockney (*1937). Das Blatt “Mist” stammt aus seiner 1973 entstandenen Reihe “The weather series”, in der sich Hockney mit der Darstellung von Wetterphänomenen beschäftigt. Neben der Themenstellung “Dunst” erarbeitete der Künstler auch Blätter zu Regen, Sonne, Wind, Schnee und Gewitter. Inspiriert wurde er zum einen von den Holzschnitten Katsushika Hokusais, zum anderen von den Lichtstimmungen Claude Monets. “Mist” gehört zu den bekanntesten Motiven der “Weather Series” und wurde für 12.600 Euro zugeschlagen.
2. Silber: Ein edler Becher aus Augsburg
Aus einer privaten Siblersammlung, deren Verkauf insgesamt über 80.000 Euro* erlöste, stammt eines der teuersten Objekte dieser Kategorie: Ein Becher aus der Hand des Augsburger Silberschmieds Johann Jebenz, entstanden zwischen 1697 und 1699.

Becher, Augsburg, 1697 – 1699, Johann Jebenz. Silber, teilvergoldet. Versteigert am 20. September 2019. Ergebnis 4.800 Euro.
Der Becher steigerte sich von einem Schätzpreis von 1.600 Euro bis auf 4.800 Euro*. Das teilvergoldete Kleinod zeigt die umlaufend eingravierte Darstellung einer Wildschweinjagd mit Jägern und Hunden.
3. Graphik: München-Aquarelle von August Seidel
Bei der Graphik erregte eine Sammlung mit 35 Aquarellen aus der Hand des Münchner Malers August Seidel (1820 – 1904) im Juli besonderes Aufsehen. Die Blätter zeigen samt und sonders Ansichten der Hauptstadt Bayerns, bevor sich diese in den 1880er- und 1890er-Jahren in eine pulsierende Großstadt verwandelte: Stände am Viktualienmarkt, Häuserzeilen im heutigen Glockenbachviertel, Bauern und Wäscherhäuser, und immer wieder Ausblicke auf München, vom Sendlinger Berg, der Heidelandschaftdes Münchner Nordens oder der Theresienwiese aus, auf der gerade die Heuernte stattfindet.

August Seidel, München-Ansichten: Blick auf München und die Mariahilfkirche in der Au. Aquarell über Bleistift. Versteigert am 5. Juli 2019. Ergebnis 3.000 Euro*.
Für insgesamt 35.000 Euro* gingen die Bilder an einen privaten Sammler. Am höchsten kletterte ein Blatt, das im Vordergrund den heute dicht bebauten, auch wegen seiner Festhalle berühmten Nockherberg zeigt. Der “Blick auf München und die Mariahilfkirche” wurde für 3.000 Euro* zugeschlagen.
4. Möbel: Ein Tisch mit Perlmosaik
Das Toplos bei den Möbeln stellt eine absolute Rarität dar: Im März wurde ein kleiner Tisch aus der Manufaktur des Johann Michael van Selow aus Braunschweig versteigert.

Kleiner Tisch, Johann Michael van Selow, Braunschweig, um 1760. Weichholz mit Mosaik aus farbigen Glasperlen. Versteigert am 29. März 2019. Ergebnis 4.800 Euro*
Van Selow hatte sich zwischen 1755 und 1767 auf Möbel mit Perlmosaikplatten spezialisiert. Dafür wurden je noch den im Motiv benötigten Farben entsprechende Glasperlen, aber auch Muscheln, Korallen, Schnecken oder Halbedelsteine auf Schnüre gefädelt und in eine kittähnliche Masse gedrückt; anschließend wurden die Schnüre herausgezogen. Das bei SCHEUBLEIN Art & Auktionen versteigerte Möbelstück ist mit Glasperlen gearbeitet und erzielte 4.800 Euro*.
5. Dosen: Ein frühes Souvenir
Selten in unseren Jahres-Top Ten vertreten ist die Kategorie Dosen. Dafür ist das Objekt, das hier 2019 einen Spitzenpreis erzielte, umso interessanter: Eine vergoldete Silberdose, deren als Mikromosaik gearbeiteter Deckel das Forum Romanum zeigt, kam für 2.800 Euro unter den Hammer.

Dose mit Mikromosaik: Forum Romanum. Wien 1872 – 1922, Mikromosaik Rom, 19. Jh. Versteigert am 29. März 2019. Ergebnis 3.500 Euro*
Derartige Kunstwerke im Miniaturformat wurden in der Ewigen Stadt seit der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts gefertigt und an die vermögenden Fremden verkauft, die im Zuge ihrer Grand Tour die Kunststätten Italiens bereisten. Bereits im 18. Jahrhundert existierte deshalb in Rom ein blühendes Souvenir-Gewerbe.
In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts wurde deren Angebot um Andenken in Form von Mikromosaiken erweitert. Der Grund heirfür lag in der Baugeschichte des Petersdoms: Da die dortigen Mosaikflächen um 1760 so gut wie vollendet waren, verlagerten die auf diese Technik spezialisierten Kunsthandwerker ihr Tätigkeitsfeld auf die Gestaltung von Miniaturveduten, die bis weit ins 19. Jahrhundert hinein bei Romreisenden äußerst gefragte Erinnerungsstücke blieben. Gestalterisch orientierten sich die meisten Mosaizisten an der Landschaftsmalerei des 17. Jahrhunderts. Auch die vorliegende Dose ist ein eindeutiges Beispiel für diesen stilistischen Bezug.
+49 (0)89 / 23 88 689-0




