Highlights der 72. Kunstauktion (IV): Meisterliche gotische Tafelmalerei
Zwei überaus qualitätvoll gearbeitete gotische Tafelbilder, die zum Schätzpreis von 12.000 Euro angeboten werden, bilden das absolute Highlight bei den Altmeistern. Sie thematisieren die zentrale Momente des Marienlebens – die Verkündigung sowie die Himmelfahrt und Krönung Mariens.
Eine Botschaft von Gott
Beide entsprechen der gängigen Ikonographie ihrer Zeit, warten aber mit besonderen Details auf. So liegt bei der Verkündigung der Akzent in der vorliegenden Darstellung weniger auf der Hervorhebung der Reinheit Mariens, die häufig durch eine Lilie ausgedrückt wird, die ihr der Engel übergibt. Stattdessen steht die Göttlichkeit der Nachricht im Vordergrund, die der himmlische Bote überbringt, und die mit einem goldene Zepter und einem Spruchband sichtbar gemacht wird. Gott selbst, links oben in einer Wolke dargestellt, wird als Urheber der Botschaft mit ins Bild gerückt; der Heilige Geist, der zu Marie entsandt wird, ist Teil des sie umgebenden Heiligenscheins.
Vorboten des Heils
Ungewöhnlich in diesem Kontext ist die rechts neben Maria als einziges weiteres Accessoire gezeigte Sanduhr als – eigentlich ein auch schon im späten Mittelalter eingeführtes – Attribut einer Personifizierungen des Todes. Möglicherweise verweist sie in der Verkündigungsdarstellung bereits auf die Konsequenz des heiligen Moments, dem der Betrachter beiwohnt: Der Heiland Jesus Christus, der neun Monate später geboren werden wird, wird einst durch sein eigenes Sterben und seine Wiederauferstehung den Tod für alle, die an ihn glauben, in die Schranken weisen.
Himmelfahrt mit spannenden Verweisen
Auch die Himmelfahrt und Krönung Mariens war, in Kombination mit den vor ihrem leeren Grab betenden Jüngern ein bereits seit Jahrhunderten eingeführter Bildtypus. Doch auch hier ist bei der bei SCHEUBLEIN angebotenen Darstellung ungewöhnliches zu entdecken: Auf dem Rand des Grabes liegt, sonst eher bei Verkündigungen und anderen Mariendarstellungen zu finden, eine rote Rose als Hinweis auf ihre Leiden während der Kreuzigung Christi. Und der Öffnung des Grabes entsteigen in der Luft wirbelnde, schon damals in kleiner, runder Form verwendete Hostien – auch sie ein eindrücklicher Verweis auf die bedeutende Rolle, die Maria für die christliche Heilsgeschichte spielt.
Teile eines Altars?
Sowohl das mit beinahe 1,50 m große Hochformat der Tafeln als auch die Tatsache, dass sich auf ihren Rückseiten Reste von Bildnissen der Heiligen Petrus und Paulus befinden, lassen vermuten, dass die beiden Objekte einst Teile eines Altars gewesen sein könnten. Bis 1976 befanden sich die prunkvollen Bilder in einer Baseler Privatsammlung.
Die Zuschreibung an Hans Traut
Ein Gutachten des bis heute für die stilistische Einordnung spätmittelalterlicher deutscher Tafelmalerei maßgebenden Kunsthistorikers Alfred Stange aus dem Jahr 1962 schreibt die Gemälde dem Nürnberger Meister Hans Traut (um 1460 – 1516) zu, der sowohl mit Arbeiten im zwischen Nürnberg und Ansbach gelegenen Zisterzienserstift Heilsbronn wie auch mit dem in Nürnberg befindlichen Peringsdörfer Altar in Verbindung gebracht wird. Eine im Germanischen Nationalmuseum befindliche Heilige Birgitta sowie eine Schutzmantelmadonna in der Staatsgalerie in der Neuen Residenz Bamberg gelten heute ebenfalls als gesicherte Werke Trauts.
Hans Traut und Albrecht Dürer
Eine um 1480 entstandene Federzeichnung eines Heiligen Sebastian, auch sie aus der Hand Trauts und heute im Bestand der Graphischen Sammlung der Universität Erlangen, stammt aus dem Besitz Albrecht Dürers (1471 – 1528), der auf der Rückseite des Blattes den Namen des Urhebers notierte. Daraus lässt sich schließen, dass sich der geniale Nürnberger Maler, der als einer der ersten die Ansätze der italienischen Renaissance verinnerlichte und mit den nördlich der Alpen üblichen Stilmitteln verwob, in seiner Jugend mit Arbeiten Hans Trauts auseinandersetzte, ihn möglicherweise sogar persönlich kannte und auf alle Fälle sehr schätzte.
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