Highlights der 72. Kunstauktion (II): Ein Klassiker von Haviland

Die fröhlichen Kannen in Entenform, das satte Grün und Pink der Dekore: All das macht das achtteilige “Déjeuner Canard” aus der Manufaktur Théodore Haviland, das in der Kategorie Porzellan zum Schätzpreis von 650 Euro angeboten wird, zum perfekten Begleiter für ein Frühstück in der Osterzeit. Dass die Entwürfe zu diesem Klassiker bereits 110 Jahre alt sind, ist allerdings nur Kennern bekannt.

Am Anfang war die Ente

Es war mitten im Ersten Weltkrieg, als der Tierbildhauer Édouard-Marcel Sandoz (1881 – 1971) bei dem innovativen Porzellanhersteller Théodore Haviland vorstellig wurde. Im Gepäck hatte Sandoz einige mehr als ungewöhnliche Entwürfe, darunter eine Kanne in Gestalt einer auf klare geometrische Formen reduzierten und doch sehr lebensnah wirkenden, aufgerichteten Ente. Die Objekte – sämtliche waren Tierformen entlehnt – erregten sofort die Aufmerksamkeit des Juniorchefs William Dannat Haviland. Wenige Wochen später wurde Musterschutz angemeldet, und bereits auf der im Sommer abgehaltenen Gebrauchsgütermesse in Lyon war die Nachfrage auch aus dem Ausland und aus Übersee enorm. Damit war die Grundlage für eine Jahrzehnte währende Zusammenarbeit gelegt, die sich ohne den Krieg wahrscheinlich überhaupt nicht ergeben hätte.

Porzellangestaltung als Notbehelf

Denn dass Sandoz, seit etwa 1906 für seine reduzierten Tierskulpturen beim Pariser Kunstpublikum ebenso berühmt wie berüchtigt, überhaupt auf das Material Keramik zurückgegriffen hatte, lag nur daran, dass andere bildhauerische Werkstoffe wie etwa Bronze oder Marmor ab dem zweiten Kriegsjahr nur noch schwer zu bekommen waren. Der aus Basel stammende Künstler musste also nach einem anderen Medium suchen, um seinen mit ihm im Atelier lebenden flatternden, schnatternden, quakenden oder miauenden Modellen gerecht zu werden. Das marmorgleiche Porzellan, das Sandoz von vorneherein bei seinen keramischen Experimenten als Endmaterial im Hinterkopf hatte, schien ihm die perfekte Lösung.

Havilands Dauerbrenner

Noch während der Kriegsjahre entstanden weitere Entwürfe für Haviland, sowohl Formen wie auch Dekore – etwa ein Wellenmuster, das Teller, aber auch Füße von Tassen dekorierte. In den 1920er Jahren stellte Haviland aus diesen frühen Entwürfen ganze Sets zusammen, wie auch das bei SCHEUBLEIN vorliegende Dejeuner „Canard“ mit Kanne, Milchkännchen, Zuckerdose, Tassen und Untertellern sowie einem Tablett. Darüber hinaus wurde die Zusammenarbeit erweitert, erfolgte auf Zuruf und im gegenseitigen Austausch. Einmal präsentierte Édouard-Marcel Sandoz Vorschläge, dann wieder äußerte William Dannat Haviland, der 1919 die Leitung der Firma übernommen hatte, konkrete Wünsche für Gefäße, die er benötigte, und der Künstler fand dann die passenden Tierformen dazu.

Fast fünfzig Jahre der Zusammenarbeit

Mit Unterbrechungen unter anderem durch die Weltwirtschaftskrise und den Zweiten Weltkrieg bestand die Kooperation bis 1962; dann riss sie aus heute nicht mehr nachvollziehbaren Gründen ab. Die figürlichen Gefäße aber, allen voran die Enten, wurden noch bis in die 1970er Jahre immer wieder aufgelegt.

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