Highlights der 72. Kunstauktion (I): Ein Frühwerk von Piet Mondrian

Feine Altmeister und Gemälde des 19. Jahrhunderts, eine erlesene Auswahl an Silber und Schmuck, schöne Schatullen, Kassetten und Barkästen für die Reise: Das sind nur einige Schwerpunkte der 72. Kunstauktion von SCHEUBLEIN Art & Auktionen am Donnerstag, dem 19. März. Besonders im Blickpunkt stehen diesmal ein “Betender Mönch” von Carl Spitzweg, eine Passage mit Hinterglasbildern vor allem aus dem Augsburger Raum, zwei dem Nürnberger Meister Hans Traut zugeschriebene gotische Tafelbilder sowie ein Frühwerk von Piet Mondrian (Schätzpreis 15.000 Euro).

Das Frühwerk Mondrians umfasst vier fünftel seines Oeuvres

Als er zu jenem bahnbrechenden, geometrischen Stil fand, für den er bis heute berühmt ist, war Piet Mondrian (1872 – 1944) fast 50 Jahre alt. Seinen völlig abstrakten, von schwarzen Linien in Rechtecke unterteilten Gemälden mit Farbflächen in Weiß, Gelb, Blau oder Rot ging ein gegenständliches Werk voraus, das fast viermal so umfassend war. Dennoch blieb dieses „Frühwerk“ jahrzehntelang fast vollkommen vergessen. Erst seit rund fünfzehn Jahren erfolgt, auch in öffentlichkeitswirksamen Ausstellungen, dessen Wiederentdeckung.

Landschaften mit brauntoniger Farbpalette

Gerade die ganz frühen, vor 1907 entstandenen Landschaftsbilder Mondrians, denen auch der bei SCHEUBLEIN vorliegende „Sitzplatz am Wasser“ zugerechnet werden kann, stechen auf den ersten Blick kaum aus dem Kanon der traditionsverhafteten niederländischen Malerei dieser Zeit hervor: Der spätere Meister extremster Reduktion arbeitete darin vor allem mit einer brauntonigen Palette und vielerlei Varianten von Grün – ein krasserer Gegensatz zur extrem beschränkten, nur aus den drei Primärfarben bestehenden Mondrian-Palette der 1920er Jahre ist kaum denkbar.

Mondrians Frühwerk als Wurzel der späteren Abstraktion

Und doch lassen sich auch in den Bildern der 1890er und frühen 1900er Jahre bereits erste Wurzeln der Abstraktion erkennen: Bei den Wasserläufen und Flüssen, Kanälen und Wäldchen, die er in dieser Zeit auf die Leinwand bannt, fallen als erstes lineare Strukturen auf: gerade gezogene Uferlinien etwa, die streng geometrisch Gruppierung von Bäumen, oder eine Anordnung hoch aufragender Stämme, die den Bildhintergrund strukturiert: Auch auf der angebotenen Ölskizze auf Karton ist dieses bildprägende Element klar erkennbar. Durch das Spiel mit solche „Baumstamm-Linien“ erforschte der aus Amersfoort stammende Künstler zudem Möglichkeiten, den Bildraum zu rhythmisieren – auch dies ein Weg, den er ab 1919 auf der Suche nach einer völlig ungegenständlichen Malerei weiterverfolgte.

“Präfiguration von Mondrians gegenstandslosen Bildfeldern”

Die Hamburger Kunsthistorikerin Monika Wagner weist in ihrem Aufsatz „Farbe in Mondrians Landschaftsbildern“ zudem auf den – ebenfalls bereits in dieser frühen Schaffensphase augenfälligen – Einsatz von weißen Flächen hin: mittels der Darstellung aufgehängter Wäsche beispielsweise oder, wie beim vorliegenden Gemälde, in Gestalt der Sitzbank sowie des Bildhintergrunds. „Formal betrachtet“, so Wagner, „erscheinen die planparallelen weißen Felder (…) als Präfiguration von Mondrians abstrakten und gegenstandslosen Bildfeldern.“

Der Schritt zur “Reinen Farbe”

Erst ab 1907, nach der Erkundung der Wirkung derartiger „Weißräume“, begann Mondrian seine Palette aufzubrechen, und ähnlich den Fauvisten, mit „reiner Farbe“ – also den Primärfarben – in Landschaftsdarstellungen zu experimentieren. Umso spannender ist es, zu beobachten, wie viel von der Sichtweise selbst des späten, abstrakten Piet Mondrian bereits in so frühen Arbeiten wie dem „Sitzplatz am Wasser“ angelegt war, die wohl vor diesem Wendepunkt entstanden. 

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